Leni 1. Bericht

Bien­ve­ni­dos a Mexi­co, lie­be Lese­rin­nen und Leser. Was ist die ers­ten drei Mona­te alles pas­siert? Wie kann ich (fast) ohne Spa­nisch mit Kin­dern und Jugend­li­chen arbei­ten? Schul­an­fang, neue Kin­der im Kin­der­dorf, neue Ange­stell­te, Erd­be­ben und Fest­ta­ge durf­te ich zusam­men mit der Sim­ply Smi­les Fami­lie schon erle­ben. In fol­gen­dem Text neh­me ich euch mit durch all die­se Ereig­nis­se, die herz­er­wär­men­den, lus­ti­gen und her­aus­for­dern­den. Dabei fal­le ich auch auf Tage­buch und Blog­ein­trä­ge zurück.

Die Viel­falt und Viel­schich­tig­keit die­ses Lan­des lässt sich kaum in weni­gen Zei­len beschrei­ben. Dies sind per­sön­li­che Ein­drü­cke und Erfah­run­gen, die mein jet­zi­ges Bild von Mexi­ko for­men. Doch die­ses Bild wird mit jedem Tag und jeder Erfah­rung neu gestal­tet und erweitert.

Ankunft in Ciu­dad de Mexi­co, Ein­füh­rungs­se­mi­nar in Pue­bla, die ers­ten Tage im Kinderdorf

Als das Flug­zeug lan­det, brei­tet sich unter uns eine rie­si­ge Stadt aus, in tau­send klei­ne Qua­dra­te auf­ge­teilt. Ein­zel­ne Bil­der bren­nen sich in mein Gehirn: rie­si­ge Pal­men, dunk­le Wol­ken, Regen, bun­te Häu­ser, rie­si­ge beleuch­te­te Wer­be­an­zei­gen an vol­len Straßen.

An der Pass­kon­trol­le stan­den wir (mei­ne Mit­frei­wil­li­ge und ich) vor der Auf­ga­be, mit unse­rem nicht vor­han­de­nen Spa­nisch den Beam­ten klar­zu­ma­chen das wir kein Tou­ris­ten­vi­sum bekom­men, was für den spä­te­ren Ver­lauf unse­rer Blei­be­erlaub­nis äußerst wich­tig war.

Der Lei­ter unse­rer Orga­ni­sa­ti­on war aus pri­va­ten Grün­den zur glei­chen Zeit wie wir in Mexi­ko und ermög­lich­te uns einen guten Rutsch in die neue Welt. Wir haben essen noch am sel­ben Abend Tacos geges­sen und Aqu­as de Savor getrun­ken. Dabei sind wir im Dun­keln, samt Kin­der­wa­gen, durch das Vier­tel spa­ziert, in einem siche­rern Teil von Mexi­co City. Zur Ori­en­tie­rung: es wird bereits um 18:15 dun­kel und das auch ziem­lich schnell.

Nach einer zwei­stün­di­gen Bus­fahrt, sind wir in Pue­bla ange­kom­men, wo unser Ein­füh­rungs­se­mi­nar mit „Sij­juve” statt­fand. Vor dem Antritt der Bus­fahrt gibt es einen War­te­be­reich, in den man nur her­ein­kommt nach einer Per­so­nen­kon­trol­le. Oder alter­na­tiv wird das direkt vor dem Ein­stieg in den Bus gemacht. Span­nen­de The­men wie Sicherheit,Geldscheine, Essen, Erwar­tun­gen und Umset­zun­gen für unser Jahr wur­den bespro­chen. Japa­ni­sche, Nor­we­gi­sche, Schwei­ze­ri­sche und Deut­sche Frei­wil­li­ge wur­den zusam­men vor­be­rei­tet (trotz­dem über­wie­gend Deut­sche). Mexi­ka­ni­sche Frei­wil­li­ge, die eine Zeit lang in Deutsch­land waren, haben uns das Wochen­en­de lang beglei­tet. Danach ging es end­lich nach Oaxa­ca und wir soll­ten jetzt das Kin­der­dorf kennenlernen.

Das Kin­der­dorf liegt in einer Ort­schaft, nicht unweit von Oaxa­ca ent­fernt. In „San Bar­to­lo Coyo­te­pec”, etwas abseits vom Cen­trum. Auf unbe­fes­tig­ten doch pro­blem­los befahr­ba­ren Stra­ßen liegt es etwa 3 min von der Haupt­stra­ße ent­fernt. Ein klei­ner Jubel und auf­ge­reg­te Stim­men schwir­ren durch die war­me Luft als das Auto vor dem Tor hält. Gaby muss­te schon lachen, als sie das Tor aufmachte.

Lich­ter­ket­ten zwi­schen den vier Häu­sern, in denen die Kin­der woh­nen, ver­strö­men war­mes Licht und strah­len die bun­ten Häu­ser und Pflan­zen an. Zwei gro­ße Tische wur­den im Hof zusam­men gescho­ben und für das Abend­brot gedeckt. Dabei habe ich auch eine der bei­den Köchin­nen ken­nen­ge­lernt, die lie­ber Wei­se für mich auch immer eine vege­ta­ri­sche Vari­an­te des Essens bei­sei­te legt.

Etwas scheu stand ich am Anfang mit den Kin­dern da. Doch die Stim­mung wur­de sehr schnell locker, aus­ge­las­sen und fei­er­lich. Das Essen war unglaub­lich lecker (es gab Tosta­das) und die schar­fen Sal­sas haben einen idea­len Gesprächs­auf­hän­ger gebo­ten. Den „pican­te”, „ver­de” und „rojo” habe ich dann auch noch hinbekommen.

Nach dem Essen wur­de gemein­sam abge­räumt, abge­wa­schen, abge­trock­net und ein­ge­räumt. Wie ich spä­ter erfah­ren habe, hat man sich bewusst gegen einen Geschirr­spü­ler ent­schie­den, um den Kin­dern und Jugend­li­chen die Mög­lich­keit zu geben, einen gemein­sa­men Umgang mit der Arbeit in der Küche zu ler­nen. Das Gefühl mit­ten drin zu sein hat sich schnell ein­ge­stellt, die meis­ten sind auf uns zuge­gan­gen und haben Gesprä­che ange­fan­gen und trotz des feh­len­den Spa­nischs ist Kom­mu­ni­ka­ti­on mög­lich gewesen.

Der Emp­fang im Kin­der­dorf und mei­nem Zuhau­se für die­ses Jahr wur­de sehr herz­lich gestal­tet. Ich habe mich gefreut erst mal ange­kom­men zu sein und nicht mehr alles im Kof­fer lie­gen zu haben. Unse­re Woh­nung liegt weni­ge min vom Kin­der­dorf ent­fernt und wur­de sehr schön eingerichtet.

Arbeits­all­tag? Was genau mache ich im Kin­der­dorf? Ers­ter Aus­flug mit den Kin­dern und Jugendlichen

Mei­ne Arbeit in Sim­ply Smi­les kann man haupt­säch­lich als Bezie­hungs­ar­beit bezeich­nen, doch auch vie­le prak­ti­schen Auf­ga­ben wer­den von uns über­nom­men. Eini­ge Auf­ga­ben blei­ben die glei­chen, ande­re ver­än­dern sich mit der Zeit. In den ers­ten Wochen hat sich unser Arbeits­all­tag noch oft ver­än­dert, weil wir ab der zwei­ten Woche Spa­nisch-Unter­richt begon­nen haben.

Am Vor­mit­tag, wenn die Kin­der und Jugend­li­chen in der Schu­le sind, haben wir ein Foto­wand­pro­jekt begon­nen, an wel­chem wir jetzt auch noch arbei­ten. Das war eine kleb­ri­ge Ange­le­gen­heit, hat uns aber die Mög­lich­keit gege­ben alte Bil­der von den jetzt schon viel grö­ße­ren Kin­dern zu sehen und die Ent­wick­lung etwas mit­zu­be­kom­men, durch die sie gegan­gen sind. Aber war­um machen wir das? Die meis­ten Kin­der, die im Kin­der­dorf woh­nen, haben kei­ne Fami­lie, die Erin­ne­run­gen für sie fest­hal­ten kann. Erin­ne­run­gen und Geschich­ten, fest­ge­hal­ten in Fotos geben ihnen die Mög­lich­keit auf ihre Ver­gan­gen­heit zu bli­cken und von da an wei­ter­zu­wach­sen. Wei­te­re prak­ti­sche Arbei­ten am Vor­mit­tag bestehen dar­aus das wir an klei­ne­ren Pro­jek­ten wie oben erwähnt arbei­ten, den Ange­stell­ten hel­fen, das Essen mit vor­be­rei­ten oder Deko­rie­ren für die vie­len bun­ten Fest­ta­ge in Mexi­ko. Bei der Refle­xi­on über mei­ne Arbeit hat mir vor allem der Besuch von Ste­fan (Sim­ply Smi­les De) und Ele­a­n­or (frei­wil­lig aktiv für Sim­ply Smi­les) geholfen.

Zwi­schen Aga­ve Fel­dern und ein­zel­nen Häu­sern lie­gen die Grund­schu­len teil­wei­se alles ande­re als zen­tral, doch ich den­ke dafür wird es sei­ne Grün­de geben. Über rucke­li­ge, stau­bi­ge Stra­ßen ist der Bus gerum­pelt und wir haben dabei ver­sucht uns mit der Leh­re­rin zu unter­hal­ten, die die Kin­der am Mit­tag bei den Haus­auf­ga­ben beglei­tet und ihnen hilft. Nach­dem wir die jün­ge­ren Kin­der gemein­sam von den ver­schie­de­nen Schu­len und Kin­der­gär­ten abge­holt haben, gibt es Mit­tag­essen. Zu den Auf­ga­ben der Frei­wil­li­gen gehört es, den Essen­saal mit der Küche mit zu säubern.

Im Anschluss setz­ten wir uns zu den Kin­dern und Jugend­li­chen unter das gro­ße Dach, wo die meis­ten ihre Haus­auf­ga­ben machen. Zwei gro­ße Tische bie­ten die Mög­lich­keit drau­ßen und trotz­dem geschützt vor dem Wet­ter, Haus­auf­ga­ben zu machen oder zu spie­len. Am Anfang habe ich ein­fach mei­ne eige­nen Haus­auf­ga­ben für den Spa­nisch-Unter­richt gemacht. Nach und nach haben wir ange­fan­gen bei eng­lisch Haus­auf­ga­ben zu inter­agie­ren und ein­an­der mit den Spra­chen zu hel­fen. Gemein­sam mit den Jugend­li­chen ent­wer­fen wir spon­tan Lis­ten mit den wich­tigs­ten Spa­ni­schen Wör­tern und sie erzäh­len mir von zufäl­li­gen eng­li­schen Wör­tern die sie so gelernt haben: „Chi­cken Nug­get” steht z.B. hoch im Kurs. Natür­lich kön­ne eini­ge (von den älte­ren) deut­lich mehr Eng­lisch als nur ein paar Worte.

Was mache ich aber bei den Haus­auf­ga­ben, wenn ich kaum Spa­nisch kann? Für Grund­schul­ma­the­ma­tik reicht es zum Glück meis­tens, auch eini­ge der jün­ge­ren Kin­der ler­nen gera­de lesen. Da kann man trotz­dem die Aus­spra­che von Wör­tern und Sil­ben üben. Auch wenn es eine Ange­stell­te Leh­re­rin gibt, die spa­zi­ell für die Haus­auf­ga­ben da ist, kön­nen wir sie unter­stüt­zen. Denn manch­mal braucht eines der Kin­der auch mal Ein­zel­be­treu­ung, um wei­ter­zu­kom­men oder kon­zen­triert zu blei­ben. Dann kön­nen wir uns alle bes­ser auf­tei­len und den Kin­dern indi­vi­du­el­le­re Mög­lich­kei­ten bie­ten. Nach den Haus­auf­ga­ben gehen wir manch­mal auf die nah gele­ge­nen Base­ball Fel­der oder unter­neh­men einen Spa­zier­gang, wobei die unter­schied­lichs­ten Spie­le gespielt wer­den. Dadurch das jeder Tag anders aus­sieht, kann es auch sein, das wir am Nach­mit­tag auch bei der­Zu­be­rei­tung des Abend­essens hel­fen, zusam­men mit Kin­dern und Jugend­li­chen die eben­falls der Köchin hel­fen möch­ten. Manch­mal brin­gen wir uns mit den Jugend­li­chen gegen­sei­tig Kar­ten­spie­le bei oder spie­len gemein­sam mit den jün­ge­ren UNO, Jen­ga oder ein­fach ande­re Spie­le, die nur einen Ball oder gar nichts benötigen.

Manch­mal ste­hen Aus­flü­ge für die Kin­der und Jugend­li­chen auf dem Plan. Das kön­nen Wan­de­run­gen in den Ber­ge, im direk­ten Umfeld sein, Aus­flü­ge in Muse­en, in die Stadt an Fest­ta­gen oder in Bergdörfer.

War­um zie­hen zwei neue Kin­der ein und was wird am 15 Sep­tem­ber und 2 Novem­ber so groß gefeiert?

Unter dunk­lem Him­mel wur­de die Mexi­ka­ni­sche Flag­ge auf dem höchs­ten Gebäu­de von Sim­ply Smi­les gehisst. Es näher­te sich der 15 Sep­tem­ber, der Tag der Mexi­ka­ni­schen Unab­hän­gig­keit. Über­all Deko­ra­ti­on in weis, rot und grün. Gefei­ert wur­de mit Tra­di­tio­nel­lem Essen und Umzü­gen in jeder Ort­schaft. Auch am nächs­te Tag in den Schulen.

Ein ande­res Ereig­nis macht den Sep­tem­ber beson­ders. Zwei neu Kin­der zie­hen ein. Taucht da Eifer­sucht, Frus­tra­ti­on und Wut auf? Oder über­wiegt die Freude?

Wes­halb sind die Kin­der zu uns gekom­men? Weil ihre Geschwis­ter schon bei uns sind und Gaby und das rest­li­che Team von Sim­ply Smi­les sich dafür ein­ge­setzt haben, das die Geschwis­ter bei­sam­men sein können.

Die Ankunft der bei­den sehr jun­gen Kin­der bringt vie­le Her­aus­for­de­run­gen mit sich. Am ers­ten Tag noch schüch­tern, ent­pupp­te sich in den dar­auf fol­gen­den Tagen und Wochen ein sehr auf­fal­len­des Verhalten.

Die bei­den wach­sen allen Mit­ar­bei­tern schnell ans Herz, auch wenn der Umgang mit ihnen alles ande­re als leicht ist. Doch gleich­zei­tig ist auch das Ver­hält­nis mit den Geschwis­tern etwas rum­pe­lig am Anfang. Gese­hen haben sie sich seit Jah­ren nicht, eigent­lich ken­ne sie sich kaum und auch der Alters­un­ter­schied ist sehr groß.

Nach dem in der letz­ten Okto­ber­wo­che eines der größ­ten mexi­ka­ni­schen Fes­te gefei­ert wur­de, kehrt jetzt wie­der etwas Rhyth­mus in mei­nen All­tag ein. Die Fei­er des „Dia del Muer­tos” ist ein wun­der­schö­nes Fest, wel­ches einem eine sehr neue und war­me Per­spek­ti­ve auf den Tod und den Umgang damit gibt. Jetzt freue ich mich auf die nächs­ten Schrit­te in unse­re Arbeit, um zu sehen, wie die Auf­ga­ben grö­ßer wer­den und Her­raus­for­de­run­gen gemeis­tert werden.

Damit möch­te ich mich noch ein­mal von gan­zem Her­zen bei jedem Leser und bei jeder Lese­rin bedanken.