Helen 1. Bericht

Bien­ve­ni­do a México

Es ist so weit, hier kommt mein ers­ter Bericht. Kaum zu glau­ben, dass schon die ers­ten drei Mona­te um sind, die Zeit ver­geht echt im Flug. Ich habe schon so viel über Mexi­ko und auch über Deutsch­land im Gegen­zug gelernt, aber jeden Tag ler­ne ich etwas Neu­es dazu. Also hier erst­mal mei­ne ers­ten Eindrücke.

Ankunft und Anfangsseminar

Bevor es nach Mexi­ko los­ging, habe ich natür­lich das Packen bis zum Schluss auf­ge­scho­ben. Was ich nicht emp­feh­len kann! Dann hieß es, sich von Freun­den und Fami­lie zu ver­ab­schie­den und schon ging es mit mei­ner Mit­frei­wil­li­gen Leni nach Mexi­ko, ein Land geprägt von Kul­tur, Tra­di­ti­on und Farbe.

Bei unse­rer Lan­dung in Mexi­ko-Stadt nach 11 lan­gen Stun­den konn­ten wir die unzäh­li­gen Lich­ter der Rie­sen­stadt und einen schö­nen Son­nen­un­ter­gang durch­zo­gen von Blit­zen eines Gewit­ters am Hori­zont sehen. Emp­fan­gen genom­men von Vin­cent, der Vor­sit­zen­de vom FÖF, der prak­ti­scher­wei­se gera­de mit sei­ner Frau Lui­sa und Baby in Mexi­ko war, blie­ben wir für 3 Tage in Mexi­ko City und haben dort unse­re ers­ten Ein­drü­cke von Mexi­ko auf­ge­nom­men, von bun­ten Häu­sern und Restau­rants zu chao­ti­schem Ver­kehr. Auch der Jet­lag gehör­te dazu, der mich uner­war­te­ter Wei­se einen hal­ben Tag lahm­ge­legt hat. Mit dem Bus ging es dann zu unse­rem Anfangs­se­mi­nar in Pue­bla mit Frei­wil­li­gen von einer ande­ren Orga­ni­sa­ti­on namens Sii­juve.

Die nächs­ten 5 Tage bestan­den aus Gemein­schafts­spie­len, Stadt­er­kun­di­gun­gen und natür­lich Mee­tings über unser bevor­ste­hen­des Jahr in Mexi­ko mit den 12 Frei­wil­li­gen von Sii­juve, die doch größ­ten­teils aus Deutsch­land waren. Wir hat­ten alle total viel Spaß zusam­men und haben vie­le neue Sachen ent­deckt. In Pue­bla war ich vor allem beein­druckt von den vie­len alten Stein­häu­sern und dem lecke­ren Essen in den Restau­rants. Aber auch unse­re Team­er waren super nett und lus­tig. Zum Abschluss des Semi­nars waren wir Frei­wil­li­ge dann alle noch­mal zusam­men fei­ern und am Sonn­tag­mor­gen hieß es dann für alle Abfahrt. Für Leni und mich stand eine lan­ge Bus­rei­se bevor.

Ankunft in Oaxaca

Die Bus­rei­se ging durch ber­gi­ge, tro­cke­ne Land­schaf­ten mit vie­len ver­schie­de­nen Arten von Kak­teen. Nach 6h kamen wir dann end­lich in Oaxa­ca-Stadt oder auch Oaxa­ca de Juá­rez an. Unse­rem neu­en Zuhau­se. Am Bus­bahn­hof wur­den wir von Gaby in Emp­fang genom­men, die Lei­te­rin des Kin­der­dor­fes, die super lie­bens­wert ist und uns mit offe­nen Armen will­kom­men gehei­ßen hat. Mit Gaby und dem Fah­rer des Kin­der­dor­fes sind wir dann direkt zum Kin­der­dorf gefah­ren. Auch am Kin­der­dorf wur­den wir so schön von den Kin­dern will­kom­men gehei­ßen, dass die anfäng­li­chen Ner­vo­si­tä­ten ver­schwan­den. Wir haben unter einem Ster­nen­him­mel tosta­das geges­sen und uns mit Hän­den und Füßen unter­hal­ten. Nach dem Abend­essen sind wir dann zu unse­rem Apart­ment gefah­ren, was zum Glück nicht weit ist und sind dann nach einer Woche unter­wegs end­lich wirk­lich ange­kom­men. Das tolls­te an unse­rer Woh­nung: die Dach­ter­ras­se, von der man über die gan­ze Tief­ebe­ne vor Oaxa­ca-Stadt schau­en kann. Die nächs­ten Wochen ging es dann für uns erst­mal dar­um anzu­kom­men und uns lang­sam in unse­ren Job ein­zu­fin­den, als auch in unse­rer Gegend.

Mei­ne Arbeit im Kinderdorf

Ich muss sagen, ich war am Anfang ein biss­chen per­plex, dass das Kin­der­dorf Frei­wil­li­ge braucht, weil es schon so ein aus­ge­klü­gel­tes Sys­tem ist. Wo soll­ten wir da denn jetzt noch gebraucht wer­den? Am Anfang hat es sich auch ange­fühlt, als wür­den wir nicht wirk­lich gebraucht wer­den, doch mit der Zeit hat sich her­aus­ge­stellt, dass es doch Ecken gibt, wo wir mit anpa­cken und uns ein­brin­gen kön­nen, um das Kin­der­dorf zu berei­chern. Erst­mals machen wir vor­mit­tags, wenn die Kin­der in der Schu­le sind, immer irgend­wel­che Pro­jek­te, die gera­de anste­hen, z.B. Bil­der von frü­her von den Kin­dern an die Wand hän­gen oder Foto­al­ben für jedes Kind gestal­ten. Und war­um soll das jetzt so wich­tig sein, könn­te man sich fra­gen. Aus dem­sel­ben Grund war­um man bei sich selbst Fotos in die Woh­nung stellt und Foto­al­ben macht. Damit man was hat, mit dem man sei­ne schö­nen Erin­ne­run­gen fest­hal­ten kann und sich an frü­her erin­nern kann. Und genau das will man auch den Kin­dern ermög­li­chen, denn alles was das Kin­der­dorf mehr zu einem Zuhau­se macht als einer Insti­tu­ti­on und wor­an sich die Kin­der erfreu­en kön­nen, hat schon einen posi­ti­ven Ein­fluss auf sie und ihre Ent­wick­lung. Nach­mit­tags hel­fen wir beim Abwasch und bei der Säu­be­rung des Come­dors (Spei­se­saal). Bei der Haus­auf­ga­ben­hil­fe kön­nen wir auch gut mit­an­pa­cken, vor allem bei den Eng­lisch­haus­auf­ga­ben, weil dies auch die Haus­auf­ga­ben­be­treue­rin nicht kann. Sonst kön­nen wir auch teil­wei­se bei Mathe und bei den Jün­ge­ren auch bei Spa­nisch hel­fen, wobei wir selbst mit­ler­nen. Wahr­schein­lich wird sich hier auch noch in ein paar Mona­ten unser Auf­ga­ben­be­reich ändern, weil wir mit immer mehr Spa­nisch­kennt­nis­sen auch für die Kin­der Ansprech­part­ner wer­den kön­nen, wenn sie Pro­ble­me haben. Sonst spie­len wir auch viel mit den Kin­dern. Wir haben schon zwei neue Kar­ten­spie­le ein­ge­führt, die die Kin­der total toll fin­den. Oder wir gehen auf Aus­flü­ge oder Wan­de­run­gen mit ihnen. Man­cher wür­de jetzt den­ken, wie ent­spannt das ist, und ja es hat sei­ne ent­spann­ten Sei­ten, aber man darf nicht ver­ges­sen, dass die Arbeit mit Kin­dern trotz allem anstren­gend ist und unse­re Kin­der auch teil­wei­se durch ihre schwie­ri­gen Fami­li­en­ver­hält­nis­se in ihrer Ent­wick­lung beein­träch­tigt wur­den. Im Kin­der­dorf herrscht viel lie­be­vol­ler Umgang, Unter­stüt­zung und Lachen, aber auch Erzie­hung und Zurecht­wei­sung, sowie in einer nor­ma­len Fami­lie eben.

Sonst hilft man ein­fach noch da mit, wo man kann und wo Hil­fe gebraucht wird. Das tol­le an der Arbeit ist auf jeden Fall, dass kein Tag gleich ist. Man­che sind total anstren­gend, ande­re total entspannt.

In den ers­ten zwei Mona­ten waren wir so viel mit unse­rem Ein­fin­den in der Arbeit beschäf­tigt, dass wir kaum aus unse­rem Haus raus­ka­men, um Leu­te ken­nen­zu­ler­nen. Der Spa­nisch­kurs, den wir in der Stadt hat­ten, war unser ein­zi­ges „Aus­ge­hen“. Des­we­gen haben wir noch nicht vie­le Bekannt­schaf­ten in unse­rem Alter gemacht, weil wir auch die ein­zi­gen Frei­wil­li­gen in unse­rem Pro­jekt sind. Das war am Anfang erst schwer für mich, weil ich jemand bin, der sich ger­ne mit Leu­ten trifft und aus­geht. Aber seit ein paar Wochen, seit­dem ich mich schon siche­rer allei­ne fort­be­we­gen kann, was auch erst mal ein biss­chen dau­er­te, und ich auch so mal in die Stadt gehe, habe ich schon ein paar Mexi­ka­ner in mei­nem Alter ken­nen gelernt. Natür­lich sind das noch nicht mei­ne bes­ten Freun­de, aber ich habe auf jeden Fall schon ein paar mehr sozia­le Kon­tak­te und bin auch am über­le­gen, einen Tanz­kurs zu bele­gen, was jetzt auch eine Mög­lich­keit ist, seit­dem ich gelernt habe nachts mit einem Sicher­heits­ta­xi nach Hau­se zu fah­ren. Es dau­ert hier eben alles ein biss­chen län­ger als es viel­leicht in Deutsch­land dau­ern wür­de, weil man eben ein biss­chen braucht, um zu ver­ste­hen, was man hier machen kann und wie man sich sicher fort­be­we­gen kann. Ganz simp­le Sachen, über die man in Deutsch­land gar nicht nach­den­ken muss. Aber Mexi­ko ist eben bekann­ter Wei­se nicht das sichers­te Land. Doch sobald man den Dreh raus­hat, kann man hier auch ganz nor­ma­le Sachen machen, Aus­ge­hen, sich mit Freun­den tref­fen usw.

Leben in Oaxaca

Hier woh­ne ich also jetzt in einer klei­nen Woh­nung in einem Vor­ort von Oaxa­ca Stadt, der San Bar­to­lo Coyo­te­pec heißt. Die­se ist moder­ner als eini­ge der umlie­gen­den Häu­ser, die teil­wei­se aus Metall­stü­cken, nen­ne ich das jetzt mal, zusam­men gehäm­mert sind. Auch wenn unser Dorf ein Man­gel an Infra­struk­tur hat, kei­ne gepflas­ter­ten Stra­ßen, kei­ne Grund­schu­le in Fuß nähe, hat es auf kei­nen Fall ein Man­gel an Dorf­ge­mein­schaft. Hier wird bei den Nach­barn in ihren klei­nen Tien­das Gemü­se und Obst, Tor­til­las oder ande­res Zeug gekauft. Oder man kehrt bei den Nach­barn in ihren sehr ein­fa­chen, aber sehr süßen Restau­rants ein. Oder man greift sich gegen­sei­tig unter die Arme, bei dem Bau eines Kin­der­gar­tens z.B., um das sich der Staat nicht küm­mert, auch wenn es nötig wäre. Wir sind in unse­rem Dorf auch schon bekannt, weil Tou­ris­ten und vor allem wei­ße Per­so­nen hier eine Sel­ten­heit sind, wes­we­gen man sich auch an vie­le fra­gen­de, ver­wirr­te Bli­cke gewöh­nen muss. Auch Fotos wer­den mit einem gemacht. Sobald man aber ins Zen­trum kommt, ändert sich das. Dort begeg­net man stän­dig Tou­ris­ten, die man auch meist an ihrer Haut­far­be aus­ma­chen kann. Gene­rell ist das Zen­trum eine ganz ande­re Welt als die gan­zen klei­nen Dör­fer vor der Stadt. Denn die Stadt ist, auch wenn sie mir vor­her nicht bekannt war, ein häu­fi­ges Rei­se­ziel für Tou­ris­ten. Des­we­gen ist die Innen­stadt mit dem Zóca­lo als zen­tra­ler Platz sehr tou­ris­tisch und mit ihren bun­ten Häu­sern und den alten Stein­kir­chen eine echt schö­ne Stadt. Typisch für Oaxa­ca ist vor allem die Ori­gi­na­li­tät. Das bedeu­tet, dass es vie­le Läden mit hand­ge­mach­ten Sachen gibt. Außer­dem fließt hier viel indi­ge­ne Kul­tur mit in das all­täg­li­che Leben ein, da es in Oaxa­ca noch mit die meis­ten indi­ge­nen Völ­ker in Mexi­ko gibt, dass ist total beein­dru­ckend! So gibt es einen Mix aus pre­his­pa­ni­scher und spa­ni­scher Kul­tur. Jeden Tag außer mitt­wochs hört man außer­dem im Zen­trum stän­dig Stra­ßen­ver­käu­fer ihr Essen laut­stark bewer­ben, was schon so dazu gehört, dass man sich wun­dert war­um es mitt­wochs so still ist. Es gibt vie­le ver­schie­de­ne Stän­de, was man aber auf jeden Fall pro­bie­ren soll­te, sind die Früch­te mit Chi­li und die Tlayu­das, für die Oaxa­ca bekannt ist. In der Stadt gibt es auch zahl­rei­che Aus­geh­mög­lich­kei­ten, Bars, Restau­rants, Cafés oder Clubs 😉 aber Vor­sicht, will man lan­ge in die Nacht fei­ern, muss man auch bereit sein ein Sicher­heits­ta­xi nach Hau­se zu zah­len, was deut­lich teu­rer ist als die „nor­ma­len“ Taxis tags­über. Doch im Ver­gleich zu den deut­schen Prei­sen ist das immer noch total güns­tig und dafür hat man eine spa­ßi­ge Nacht. Die Fort­be­we­gung hier ist tags­über auch mög­lich mit Bus­sen, die man hier vom Stra­ßen­rand per Hand­zei­chen anhal­ten muss, wenn man ein­stei­gen will, weil es hier nicht wirk­lich Hal­te­stel­len gibt. Wäh­rend der Fahrt wird man stän­dig von den top­es durch­ge­schüt­telt, die klei­nen Hügel auf der Stra­ße, die als Geschwin­dig­keits­be­gren­zung die­nen soll­ten, aber von den meis­ten Mexi­ka­nern igno­riert wer­den. Es wer­den außer­dem noch vie­le Gemein­schafts­ta­xis, auch colec­tivos, benutzt, bei dem auch gut mal 6 Leu­te in ein 5‑Personen Taxi gequetscht wer­den. Vie­le Leu­te benut­zen aber auch ein­fach ein Motor­rad zu dritt oder viert ohne jeg­li­che Schutz­klei­dung. Ja, der Ver­kehr ist hier sehr ver­rückt, aber irgend­wie funk­tio­niert es eben doch. Was noch neu ist, sind die Erd­be­ben, von denen wir schon zwei erlebt haben, die vie­le Zeit, die ich mit mei­ner Mit­frei­wil­li­gen ver­brin­ge und all­täg­li­che Sachen, wie nicht aus dem Was­ser­hahn trin­ken oder Was­ser­tanks für flie­ßend Was­ser auffüllen

Fei­er­ta­ge

Seit­dem ich hier bin durf­te ich auch schon 2 gro­ße Fes­te mit­er­le­ben. Obwohl hier eigent­lich alles groß gefei­ert wird. Der Unab­hän­gig­keits­tag Día de Inde­pen­den­cia und den Tag der Toten Día de Muer­tos. Bei­de Fei­ern gin­gen über meh­re­re Tage, auch wenn der Name etwas Ande­res besagt. Über­all sieht man Deko­ra­tio­nen, egal wie klein das Dorf auch ist, die Fei­er­ta­ge las­sen die Mexi­ka­ner nicht still vor­über­ge­hen. Über­all hört man Musik, am Unab­hän­gig­keits­tag natür­lich die Natio­nal­hym­ne, die die Kin­der unse­res Kin­der­dorf auch so oft gesun­gen haben, dass ich die schon fast bes­ser ken­ne als mei­ne eige­ne, und man hört auch vie­le Böl­ler, die hier in Mexi­ko so laut sind, dass ich am Anfang dach­te, es wür­den Schuss­wech­sel sein. Die Para­den sind bei bei­den Fei­er­ta­gen groß gewe­sen. Aber auch wenn die zwei Fei­er­ta­ge ein paar Ähn­lich­kei­ten hat­ten, sind es doch zwei kom­plett unter­schied­li­che Fei­er­ta­ge. Bei dem Unab­hän­gig­keits­tag, wo man sei­nen Stolz für das eige­ne Land aus­drückt und VIVA MÉXICO ruft und bei dem Tag der Toten, wo man Cho­co­la­te trinkt und mit der Fami­lie zusam­men vor sei­nem Altar zu Hau­se sitzt oder auf den mit oran­ge­nen Blu­men „Cem­pa­such­i­les“ geschmück­ten Fried­hof geht und sich an sei­ne Ver­stor­be­nen erin­nert und mit ihnen feiert.

Ich könn­te noch so viel mehr über Mexi­ko und sei­ne Leu­te erzäh­len, aber lei­der muss das jetzt erst­mal aus­rei­chen. Und wenn ihr noch mehr erfah­ren wollt, dann freut euch auf den nächs­ten Bericht in 3 Mona­ten 😉 Bis dahin has­ta luego!